TCS Marathon Amsterdam

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Sonntag, 16. Oktober, 2011

Ich war noch nie in Amsterdam und der Marathon dort klang echt cool. So dachte ich mir – auf geht’s – warum denn nicht!

Im Frühsommer reduzierte ich mein Training auf ein Minimum. Nach dem Marathon in Prag wollte ich meinen Beinen Zeit geben sich komplett zu erholen damit ich wieder Mitte Juli Vollgas geben könnte. Natürlich kam alles anders als erhofft. Ende Juni holte ich mir mal wieder eine Zerrung in der Wade und musste mein Training komplett einstellen und zwar bis Mitte August. Ich war allerdings nicht besonders besorgt, da ich wusste, dass ich in den 5 Wochen genesen würde. Ich wollte auch in Amsterdam keinen Rekord brechen, sondern einfach laufen und mir die Stadt ansehen.

Ich begann wieder zu laufen und meine Beine fühlten sich sehr gut an, aber meine Kondition schien auf einem Tiefpunkt zu sein. Klar, laufen bei 35 ° C machte die Sache nicht wirklich besser bzw. einfacher. Das Trainieren im Sommer ist echt eine Qual – viel schlimmer als im Winter. An einem Tag war ich losgelaufen und musste nach 15 km gehen – mir war schwindelig geworden. Solche Erlebnisse bauen einen wirklich nicht sonderlich auf!

Ich trainierte weiter aber bei weitem nicht in dem Maß wie vor Prag – etwa die Hälfte. Anfang September gingen Tina und ich in die Lechtaler Alpen zum Wandern – man, war das geil. An einem Tag regnete es dort, so dass wir nicht wandern wollten und ich dafür einen Berglauf absolvierte. Ich lief genau 21,1 km und 600 Höhenmeter hinauf in einer Zeit von 2:12.57 Stunden. Das machte mich voll glücklich – ich fühlte mich wieder auf dem richtigen Weg!

In den letzten vier Wochen vor dem Lauf schaffte ich dann noch zwei Läufe über 30 km. Diese waren sehr von Nöten. Nun hatte ich das notwendige Selbstvertrauen zurück erobert und war bereit!

Ich hatte im Sommer eine Diät („Schlank im Schlaf“) basierend auf eine Art Trennkost unternommen und habe 6 kg abgenommen. Das war gut, aber ich fühlte mich durch den Kohlenhydratverlust dermaßen schwach, dass ich die Diät aufgrund der langen Läufe wieder aufhören musste. Das Ende des Liedes war, dass ich bis zum Wettkampftag mehr wog als in Prag – nämlich 90 kg – Super Sach’!

Aber mir war es Wurscht – ich wollte eigentlich nur laufen und gelöst im Ziel ankommen – der olympische Gedanke zählte! ;)

Am Tag des Rennens wachte ich um 06.30 h auf. Ich war noch etwas müde, fühlte mich aber eigentlich sehr gut und verspürte keinen inneren Druck – alles easy. Das ist ein Gefühl, welches man leider nicht herbeizaubern kann und ich war froh total entspannt zu sein. Ich nahm eine DUSCHE und anschließend gingen Tina und ich zum Frühstück, wo wir Sam & Jen trafen. Lino war auch extra aufgestanden – nur Erik schlief noch tief und fest, aber das ist eine andere Geschichte… ;)

Die letzten Vorbereitungen bevor wir in Richtung Stadion gingen.

Wir fünf nahmen die Stadtbahn und die Metro zum Stadion. Es war noch ganz schön frisch, aber es würde ein wunderschöner Tag werden. Die Sonne stieg langsam empor – allerdings sehr langsam...

Als wir ankamen standen schon mehrere Tausend Läufer und Begleiter vor dem Stadion. Die Atmosphäre war großartig und ansteckend. Ein ganz besonderes Gefühl lag in der Luft – Aufregung gepaart mit Erwartung. Sogar Tina, die erst gestern noch gesagt hatte, dass sie vermutlich nicht mehr an einem Lauf teilnehmen möchte, hatte ein Glitzern in ihren Augen: „Vielleicht, doch…“

Unglaublich – wir waren unter dem Meeresspiegel!

Tina, Sam & Jen und Lino wünschten mir viel Glück und ich ging in Richtung Startblock – immer noch völlig entspannt. Ich hatte noch zu Tina gesagt, dass ich einfach in einem mehr oder weniger gemütlichen Tempo loslaufen würde – mal sehen was passiert – ohne jegliches Ziel. Ok, bis Jen mir dann sagte, dass ich wenigstens schneller als in Prag laufen sollte – na klar – nichts Einfacheres als das und vielen Dank auch, denn der Gedanke begleitete mich durch das komplette Rennen…

Ich war echt froh, dass die Sonne endlich da war – es war echt ziemlich frostig!

Ich gab meinen Begleitern das altbekannte „Sign of the Hammer“ während die Dame neben mir vermutlich dachte: „Was in aller Welt macht denn der da?!“

Und nun war ich an der Reihe: "Was in aller Welt…" ;)

Warten auf den Startschuss!

Ich weiß nicht wie viele Läufer am Start waren, aber 9633 schafften es ins Ziel.

Tina, Sam & Jen, Lino und Erik, der nun zur Gruppe dazugestoßen war, konnten mich lediglich an zwei Punkten anfeuern, was ein wenig schade war.

Das Rennen begann pünktlich um 09.30 h (nicht so wie die Schnarcher beim Stuttgartlauf, die es nie auf die Reihe bekommen!) im Olympischen Stadion von Amsterdam. Und es war geil, denn es lief eigentlich von Anfang an super sauber ab – kein Gedränge oder Geschiebe. Es sah so aus als ob sich fast alle Läufer im richtigen Startblock eingereiht hatten. Das war schön und vor allem Kräfte schonend, denn in Athen oder Prag oder sonst wo, machten sich viele Läufer schneller als sie wirklich waren und wurden dadurch zu Hindernissen. Diesmal störte mich was ganz anderes. Einige der Läufer hatten wohl vergessen zu duschen und stanken penetrant nach altem Schweiß – kotz, würg. Ich meine, klar würde man schwitzen wie ein Schwein, aber muss man auch wie eins stinken?

Meine treuen Begleiter vergnügten sich mit Speis und Trank (so sagte man mir) und warteten geduldig darauf bis ich ins Stadion einlief und schauten sich während dessen die 2897 schnelleren Läufer an. ;)

Die Sonne schien – es war kein Wölkchen zu sehen, aber es war dennoch ein paar Grad zu kalt. Es ging kein starker Wind, aber er ließ mich teilweise frösteln - vor allem nach dem ich nass geschwitzt war. Es war ein sehr schönes Rennen, weil die niederländischen Zuschauer uns stets enthusiastischer Weise anfeuerten – echt motivierend und cool. Cool war auch, dass die Läufer um mich herum wie eine Art Gruppe mehr oder weniger zusammen blieb und einen mitzog.

 

Nichtsdestotrotz waren die Kilometer 28 -37 schwer für mich. Wir liefen außerhalb der Stadt, es waren verständlicher Weise wenige Zuschauer am Rand und ich fiel (wie immer) in ein Loch. Ich wurde unbewusst langsamer und es war schwer eine stetige Pace aufrechtzuerhalten. Ich denke da immer sehr viel nach – warum quäle ich mich hier eigentlich – werde ich es bis zum Ziel ohne Zerrung oder Krampf schaffen… Es ist schwer zu erklären und ich denke nur diejenigen unter euch, die es mal selber miterlebt haben, können mich richtig verstehen. Es sind einfach verdammt harte Minuten, die einem wie eine Ewigkeit vorkommen, während die Kilometer langsam an einem vorübergehen.

 

Ich fühlte mich aber während des Rennens irgendwie echt stark und als ich bei Kilometer 38 angelangt war, lächelte ich und dachte mir: „WOW, ich werde zwar meine Bestzeit nicht unterbieten, aber vielleicht würde ich tatsächlich schneller als in Prag laufen können!“ Das hätte ich vor dem Rennen niemals geglaubt und der Gedanke baute mich voll auf. Ich lief weiter und wieder etwas schneller und erlebte fast einen "Runner’s High" – das verrückte Gefühl, wo man ganz einfach für eine kurze Zeit seine Emotionen nicht kontrollieren kann. Ich lachte und hatte dabei Glückstränen in den Augen - jeodch nur für einen kurzen Moment und dann war’s auch schon wieder vorbei…Irre!

Ich fühlte gut und konnte während des gesamten Rennens eine fast konstante Pace laufen:

Net split times (difference)

5 Kilometer

25:57 (25:57)

10 Kilometer

50:38 (24:41)

15 Kilometer

1:15:27 (24:49)

20 Kilometer

1:40:22 (24:55)

Half marathon

1:46:14

25 Kilometer

2:06:09 (25:47)

30 Kilometer

2:32:48 (26:39)

35 Kilometer

3:00:33 (27:45)

40 Kilometer

3:26:52 (26:19)

Nach 40 km wusste ich nun definitiv, dass ich schneller laufen würde als in Prag und gab einfach alles! Ich kämpfte und fühlte mich wie eine Maschine während ich die letzten Kilometer herunterspulte. Ich wusste zwar, dass ich danach „tot“ sein würde, aber das war mir so was von Scheißegal – es war einfach geil – richtig geil!

Ich lief ins Stadion und sah meine Freunde auf den Rängen und sie jubelten mir zu – es war ein großartiges Gefühl, welches mich sogar noch sprinten ließ. Unmittelbar bevor ich über die Ziellinie lief, reckte meine Faust mehrfach in die Höhe – es war mein alleiniger Sieg. Der Sieg gegen mich selbst. Und genau das ist der verdammte Grund warum ich mir das immer wieder antue und antun werde!

Ich schaffte es in 3:38:06 Stunden (im vorderen Drittel des Feldes) was bedeutete, dass ich tatsächlich fast 5 Minuten schneller gelaufen war als in Prag. Ich war überglücklich, aber völlig am Sack. Aber es war’s Wert – dieses Gefühl nimmt mir keiner. Erledigt, abgehakt!

Tina gab mir einen riesigen Kuss und war so stolz auf mich und das macht mich natürlich umso glücklicher! Sam & Jen, Lino und Erik gratulierten mir anschließend – es war echt super sie dabei zu haben!

Hail!

Müde...

Unglaublich!

Und endlich wieder glücklich!

Meine ganz spezielle Trophäe - haha - cool!

Wir nahmen die Metro und die Stadtbahn zurück zum Hotel und ich gönnte mir ein kurzes Nickerchen. Ich war echt erschlagen, aber sehr zufrieden. Abends gingen wir noch aus und feierten bis nachts um eins. Wir hatten total Spaß miteinander und es war ein unvergesslicher Abend mit meiner Traumfrau und echten Freunden – Danke…

...und weil ich solche Tage brauche, wie die Luft zum Atmen – sehen wir uns hier wieder:

Mailand Stadt Marathon
Sonntag, 15. April, 2012

Running makes us strong,
It makes us stronger, stronger, stronger...
Running makes us STRONG!

 

Joey DeMaio hat mir einmal vermutlich das kürzeste Email aller Zeiten geschrieben:

"Do it."

Und ich persönlich glaube fest daran, dass man so ziemlich alles im Leben erreichen kann – man muss es nur anpacken und ganz einfach mit dem Reden aufhören!

Also, Leute – worauf wartet ihr noch…